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Die 20er Jahre

Die 20er Jahre

Am Anfang war Gustav Pauli. Im April 1914 kam der bisherige Direktor der Kunsthalle Bremen nach Hamburg, um die Nachfolge Alfred Lichtwarks anzutreten. Und Pauli brachte gleich eine neue Idee mit: Ihm schwebte die Gründung eines Fördervereins vor, der in seinen Zielen allein an die Hamburger Kunsthalle gebunden sein sollte, einer Vereinigung, die nicht nur eigene Mitglieder gewinnen, sondern auch ein Dach für bereits bestehende kunstinteressierte Gesellschaften in Hamburg bilden sollte.

Allerdings dauerte es einige Jahre, bis Pauli seine Idee umsetzen konnte, da der Erste Weltkrieg die Tätigkeit des neuen Kunsthallendirektors stark behinderte. Der richtige Zeitpunkt war gekommen, als 1923 der Vortragssaal zwischen Alt- und Neubau der Kunsthalle fertig gestellt war, den Pauli schon lange gefordert hatte. In diesen Räumlichkeiten, dem heutigen Hubertus-Wald-Forum, fand am 15. Januar 1923 die Gründungsversammlung der Freunde der Kunsthalle statt.

Noch am selben Tag trat im Direktorenzimmer der neue Vorstand zusammen und wählte Carl Petersen zum ersten und Gustav Pauli zum stellvertretenden Vorsitzenden. Beide standen in den folgenden zehn Jahren an der Spitze des Vereins: Petersen, ab 1924 Erster Bürgermeister in Hamburg, trug durch sein hohes Ansehen entscheidend zur Reputation bei, während Pauli, der spiritus rector der Freunde, die entscheidende Figur im Vorstand war.

Pauli war in dieser Zeit ganz vom Schwunge republikanischer Erneuerung erfasst. Die Hamburger Kunsthalle sollte sich mittels der Freunde für weitere Kreise der Bevölkerung öffnen. Während bürgerliche Fördervereinigungen vor allem um finanzkräftige Mitglieder warben und Arbeiterbildungsvereine spezielle Angebote für ihre Klientel organisierten, verfolgten die Freunde eine andere Zielsetzung. In ihrer ersten Werbedrucksache hieß es:
„Freunde der Kunsthalle! Unter diesem Namen ist eine Vereinigung gegründet worden, die im Anschluß an die Sammlungen der Kunsthalle Kunstfreunde der verschiedenen Berufsstände und verschiedenen Alters zu sammeln bestrebt ist. In einer Zeit schwerster wirtschaftlicher Erschütterung wollen wir unserer Bevölkerung Stunden der Erbauung, Belehrung und des geistigen Genusses bereiten.“

Ein Blick in das erste Mitgliederverzeichnis von 1923 zeigt, dass dieser Anspruch erfolgreich umgesetzt werden konnte. Manchmal traten gesamte Nachbarschaften oder Berufsgruppen den Freunden bei, so z. B. die Bewohner der Straßen Am Weiher und Blumenau sowie die Krankenschwestern der Universitätsklinik Eppendorf. Auch viele Volksschullehrer wurden Mitglied. Auffällig ist zudem der hohe Anteil von Frauen, darunter Telegrafinnen und Handels- und Büroangestellte, und die große Zahl jüdischer Mitglieder aus den Stadtteilen Rotherbaum, Grindel und Eppendorf. Im ersten Jahr ihres Bestehens konnten die Freunde erstaunliche 3.680 Mitglieder gewinnen, eine Zahl, die erst 1994 wieder erreicht werden sollte.

Im Zentrum der Vereinsaktivitäten der 1920er Jahre standen Führungen durch die Galerie, Besichtigungen des Kupferstichkabinetts sowie Vorträge, die im Vortragssaal der Kunsthalle stattfanden. Pauli war für die Themenauswahl verantwortlich, und es gelang ihm immer, prominente Referenten dorthin zu holen. Es sprachen, um nur einige Namen zu nennen: die Kunsthistorikerin Rosa Schapire, Fritz Schumacher, der im Zyklus von 1926/27 über Städtebau referierte, der Musikwissenschaftler und -pädagoge Hans Mersmann sowie der Direktor der Kunsthalle Mannheim, Gustav Friedrich Hartlaub. Auch die Vereinsmitglieder Aby Warburg und Erwin Panofsky (seit 1927 Vorstandsmitglied) hielten Vorträge, ebenso Pauli selbst.

Wenn er redete, war der Vortragssaal immer überfüllt. Pauli, so schrieb der „Hamburger Anzeiger“ am 30. September 1933 rückblickend, „verstand seine Sache immer so anschaulich zu machen, daß auch der Kaufmann, abgehetzt und müde nach Geschäftsschluß, der Beamte oder die Hausfrau, ihm mit Interesse folgten und ihn verstanden.“