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Trauern zwischen individueller Erfahrung und kollektiver Erwartung

Vortrag von Dr. Brigitte Kölle
26. März 2020 (19.00 Uhr - 20.30 Uhr)
Ermöglicht durch die Freunde der Kunsthalle e. V.

Trauerrituale und deren Verhaltensregeln verlieren zusehends ihre Verbindlichkeit, so wird in der Kulturgeschichte der Trauer häufig argumentiert. Von Trauernden wird kaum noch verlangt, dass sie ihrer Trauer in der Öffentlichkeit in einer bestimmten Form Ausdruck verleihen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es heute keine Erwartungen mehr an Trauernde gäbe: Auch dort, wo es um individuelle und private Trauererfahrungen geht, spielen Bilder guter Trauer eine große Rolle.

Dies gilt besonders, wenn Trauer in den Fokus der Wissenschaft rückt. Normative Vorstellungen regeln hier, was gute und was schlechte Trauer ist, wie lange Trauer gesund ist und wann sie pathologisch wird, oder wo aus einer angemessenen Form der Trauer eine zu intensive wird. Einige dieser Vorstellungen will der Vortrag ins Blickfeld rücken. Mit Trauer-Debatten aus der Psychologie und der Philosophie werden zwei Diskurse betrachtet, die sehr unterschiedliche Argumente formulieren. Gleichzeitig teilen sie aber einen Bezugspunkt: Sigmund Freuds „Trauer und Melancholie“ (1917), der vielleicht erste Versuch, eine Theorie individueller, affektiver Reaktionen auf Verlust zu entwickeln.

Diesen Debatten stellt der Vortrag schließlich solche Bilder gegenüber, die Künstlerinnen und Künstler in Situationen des Abschieds und Verlusts entwerfen. In Positionen wie denen von Seiichi Furuya, dessen Arbeiten auch in der aktuellen Ausstellung vertreten sind, sind individuelle und kollektive Trauermomente auf eine Weise miteinander verbunden, die quer zu wissenschaftlichen Trauer-Theorien liegt

VORTRAG Dr. Inga Anderson
MODERATION Dr. Brigitte Kölle
TERMIN Donnerstag, 26. März 2020, 19 bis 20.30 Uhr
ORT Hamburger Kunsthalle, Werner-Otto-Saal
KOSTENBEITRAG Eintritt frei, keine Anmeldung erforderlich (Nichtmitglieder zahlen den Eintritt in die Hamburger Kunsthalle)

Dr.  Brigitte  Kölle
Dr. Brigitte Kölle
Studium der Kultur- und Museumswissenschaften in Hildesheim und New York. Kuratorin an internationalen Ausstellungshäusern, u. a. Institute of Visual Arts, Milwaukee; P.S 1, New York; Sammlung Froehlich, Stuttgart; Portikus, Frankfurt am Main; Kunsthalle Wien; Kunstsammlung K21, Düsseldorf. Seit Mai 2011 an der Hamburger Kunsthalle; Leitung der Galerie der Gegenwart für Malerei und Skulptur.
Dr.  Inga Anderson
Dr. Inga Anderson
studierte Kulturpädagogik an der Hochschule Niederrhein (B. A.) und Cultural Analysis an der Universiteit van Amsterdam (M. A.). Von Juni 2015 bis September 2017 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kulturwissenschaft der Berliner Humboldt-Universität und Koordinatorin des weiterbildenden Masterstudiengangs „Psychoanalytische Kulturwissenschaft“. Seit Oktober 2017 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung „Bildung und Gender“ beim DLR Projektträger in Bonn. Ihre Promotion „Bilder guter Trauer“ beschäftigt sich mit neuen Sichtbarkeiten der Trauer in der Psychologie, Philosophie und Fotografie.