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Max Beckmann: Blickwechsel – Wortwechsel, Teil 3

Um der Verbreitung des Corona-Virus entgegenzuwirken, bleibt die Hamburger Kunsthalle noch bis voraussichtlich mindestens 20. Dezember 2020 geschlossen. In der Veranstaltungsreihe „Blickwechsel“ hätten Expertinnen und Experten aus verschiedenen Fachbereichen ihren Arbeitsplatz temporär in die Ausstellung „Max Beckmann. weiblich-männlich“ verlegen sollen. Aus diesem „Blickwechsel“ sind mit der Schließung der Kunsthalle nun schriftlich geführte „Wortwechsel“ geworden. Im dritten Teil lesen Sie nun Özlem Nas, Turkologin und Erziehungswissenschaftlerin sowie Bildungsbeauftragte bei der SCHURA – Rat der Islamischen Gemeinschaften in Hamburg e. V., im Gespräch mit Sophia Colditz (wissenschaftliche Mitarbeiterin).

SC: Liebe Frau Nas, das Gemälde „Doppelbildnis Max Beckmann und Minna Beckmann-Tube“, das aktuell in der Ausstellung „Max Beckmann. weiblich-männlich“ zu sehen ist, hat Ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Was sehen Sie in dieser Darstellung?

ÖN: In dem Gemälde sieht man Max Beckmann mit seiner Frau Minna. Es fällt auf, dass trotz der zueinander geneigten Körperhaltung die Körpersprache und der Gesichtsausdruck von Distanz zeugen. Die Stimmung des Paares wirkt grundsätzlich voneinander abweichend. Es scheint eine gewisse Spannung in der Luft liegt zu liegen. Vielleicht eine bereits verflogene Harmonie, die Minna als in sich gekehrte Frau zurückgelassen hat? Ein starker, selbstbewusst und lässig posierender Mann und neben ihm sitzend seine schwache Frau, die in die Leere starrt und die Hoffnung auf Erfüllung ihrer Wünsche, Erwartungen und Bedürfnisse in weiter Ferne weiß?

SC: Dieses Gemälde des Paares zeigen wir innerhalb der Ausstellung im Saal „Doppelselbst“, einer Gruppe von Doppelbildnissen Max Beckmanns mit seiner ersten bzw. zweiten Ehefrau: Was ist aus Ihrer Perspektive ein „Selbst“, und was würden Sie unter einem „Doppelselbst“ verstehen?

ÖN: Das Selbst setzt sich aus vielen Facetten zusammen. Es ist fluid. Es formt sich mit unseren Erfahrungen und Erlebnissen. Es wächst, erblüht, stagniert oder verkümmert entsprechend der Umstände und Entfaltungsmöglichkeiten, die es umgeben. Je nachdem, in welchem Raum es sich bewegt, kann eine andere Facette zum Vorschein kommen oder aber in den Hintergrund treten. Welche Räume lassen also welche Facette zu und welche Räume legen welche Facette frei? Wo kann das Selbst wachsen und sich entfalten? Wo kann das Selbst authentisch sein und sich wohl und willkommen fühlen? Ganz gleich, ob sich das Selbst in einer Partnerschaft befindet oder im gesellschaftlichen Kontext bewegt – es sollte frei sein. Ein Selbst existiert nicht, um die Erwartungen derjenigen zu erfüllen, die meinen bestimmen zu dürfen, wie es zu sein hat.

Der Begriff „Doppelselbst“ erweckt in mir den Anschein von der Existenz zweierlei „Selbsts“, die ambivalent, aber in Gemeinschaft sind. Dies kann eine freiwillige oder unfreiwillige Partnerschaft sein, die freudvoll oder leidvoll ist. Wenn das Selbst keinen Zwängen unterliegt, anders sein zu müssen als es sein will, und sich freiwillig als Doppel sieht, kann dies meines Erachtens als Stärke betrachtet werden. In umgekehrter Weise ist es zweifelsohne ein Leid. Ob man von einem Selbst, einem Doppelselbst oder einem multiplen Selbst spricht, sollte immer dem Selbst entspringen und keine erzwungene Existenzform auf äußere Umstände darstellen.

SC: Welchen Beitrag kann Max Beckmanns Kunst auch zukünftig noch leisten, um einen interkulturellen Dialog zum Thema „weiblich-männlich“ zu stärken?

ÖN: Durch die Einbettung in dialogische Vermittlungskonzepte kann die Kunst eine Plattform zum Austausch über gesellschaftliche Konzepte zu „weiblich-männlich“, aber auch über viele andere Themen bieten. Beckmanns Kunst stellt viele Facetten des Mensch-Seins und des menschlichen Miteinanders in den Mittelpunkt und bietet dadurch viele Anreize, um miteinander ins Gespräch zu kommen und die „Normativität von Normalität“ zu hinterfragen. Für eine Stärkung des „interkulturellen Dialogs“ muss die fachliche Rahmung ein Setting beinhalten, das Zugangsbarrieren erkennt und entfernt und einen Frei-Raum schafft für Menschen, die divers sind. Dies kann zum Beispiel dadurch erfolgen, dass ein Dialog auf Augenhöhe geführt wird wie bei dem Projekt „Kunst im Interreligiösen Dialog“ von Marion Koch und der Hamburger Kunsthalle. Dem Begriff „interkulturell“ sollte ein Konzept multipler Kulturen zugrunde liegen. Eine Einengung des „Kultur“-Begriffs auf die „Herkunft“ wird unserer gegenwärtigen Lebenswelt nicht gerecht. Ein Austausch, dem ein Frei-Raum für diverse Menschen zugrunde liegt, kann dazu beitragen, den Horizont der Betrachterinnen und Betrachter in unterschiedlichen Nuancen zu färben, das Verständnis füreinander zu weiten und den Zusammenhalt zu stärken. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, diese barrierefreien Frei-Räume in Begleitung von Beteiligungsverfahren zu schaffen, kontinuierlich zu pflegen und zu erneuern. 

M.A. Özlem Nas, Studium der Turkologie, Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Universität Hamburg. Promovendin am Fachbereich Erziehungswissenschaft: „Religiöse Bildung muslimischer Jugendlicher in Schule und Gemeinde“. Publikationen im Bereich Religion/Religionssensibilität & Isam. Stellvertretende Vorsitzende des Interreligiösen Forums Hamburg, des Bündnisses Islamischer Gemeinden in Norddeutschland und im Vorstand der Schura Hamburg für Bildungsarbeit. Referentin bei „Kunst im interreligiösen Dialog“ in der Hamburger Kunsthalle. Bildungsreferentin bei dem Projekt QualiMoVe. Mediatorin, Moderatorin, interkulturelle Trainerin und Lehrer*innenfortbildnerin.

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