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Max Beckmann: Blickwechsel – Wortwechsel, Teil 5

Um der Verbreitung des Corona-Virus entgegenzuwirken, bleibt die Hamburger Kunsthalle auch im Dezember 2020 weiterhin geschlossen. In der Veranstaltungsreihe „Blickwechsel“ hätten Expertinnen und Experten aus verschiedenen Fachbereichen ihren Arbeitsplatz temporär in die Ausstellung „Max Beckmann. weiblich-männlich“ verlegen sollen. Aus diesem „Blickwechsel“ sind mit der Schließung der Kunsthalle nun schriftlich geführte „Wortwechsel“ geworden. Im fünften Teil Woche erleben Sie Dr. Anja Tiedemann, Kunsthistorikerin mit Schwerpunkt Kunstmarktforschung, im Gespräch mit Dr. Karin Schick, Kuratorin der Ausstellung, über das Werk „Frauenbad“ von Max Beckmann aus dem Jahre 1919.

KS: Liebe Anja, als Ausgangspunkt für unser Gespräch hast du das Gemälde Frauenbad aus der Ausstellung Max Beckmann. weiblich-männlich“ gewählt. Was interessiert dich so an diesem 1919 entstandenen Werk, welche besondere Geschichte hat es?

AT:  „Frauenbad zeigt eine ganz alltägliche Szene: Frauen und Kinder beim Besuch einer öffentlichen Badeanstalt. Man darf nicht vergessen, dass fließend Wasser noch nicht zur normalen Wohnungsausstattung gehörte, warmes Wasser zum Waschen war Luxus. Das verdeutlicht dieses Bild, auf dem zumindest einige Menschen lachen. Das ist selten in Beckmanns Œuvre. Er soll gesagt haben, das Gemälde solle wie ein gotisches Glasfenster wirken. Also dürfte er auch Darstellungen des Mittelalters und der Dürerzeit im Sinn gehabt haben. Allerdings setzte er dem Jungen rechts eine Papiermütze auf, die wohl aus der sozialdemokratischen Zeitung Vorwärts gefaltet wurde. Wie so oft bei Beckmann ist auch dieses Bild vielschichtig.

1921 wurde es erstmals ausgestellt. Da gehörte es schon dem Galeristen Israel Ber Neumann, der zu dieser Zeit in Berlin ansässig war. Er war lebenslang einer der größten Anhänger Beckmanns, sein Vertrauter und wichtigster Kunsthändler in den frühen Jahren. 1911 hatte er begonnen, Werke des Künstlers direkt aus dem Atelier zu erwerben – auch Frauenbad. 1916 hatte er einen ersten Vertrag mit dem Maler geschlossen, im November 1917 eine erste Beckmann-Ausstellung veranstaltet. Neumann war nach seiner Emigration in die USA verantwortlich für die Einführung Beckmanns in den amerikanischen Kunstmarkt, wenngleich seine Leistung später in Vergessenheit geriet. Nach Eröffnung seiner Galerie in New York 1924 schloss Neumann einen von April 1926 bis März 1929 gültigen Alleinvertretungsvertrag mit ihm, mit einer jährlichen Einkommensgarantie von 10.000 Mark. Ende der 1920er-Jahre wurde die Beziehung jedoch getrübt. Beckmann war unzufrieden mit den Verkäufen und inzwischen war längst die Kunsthandelslegende Alfred Flechtheim auf den Plan getreten. Er übernahm die Vertretung Beckmanns, und Frauenbad gelangte 1928 in seine Kommission. 1930 gab Flechtheim das Bild zurück an Neumann, dieses Mal aber an dessen Graphisches Kabinett in München.

KS: Du bist Spezialistin für Kunstmarktforschung, eine noch junge Disziplin in der Kunstgeschichte, und dich hat vor allem die Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt. Welche Rolle haben darin die Kunsthändler von Max Beckmann gespielt?

AT: Mit Beginn der NS-Zeit änderte sich das Kunstleben maßgeblich. Nur noch wenige Kunsthändler wagten es, Künstler wie Max Beckmann auszustellen. Es war allerdings nicht verboten, da er Mitglied in der Reichskammer der bildenden Künste war, wie alle anderen Künstler auch, die Farben und Leinwände kaufen wollten. Frauenbad wurde 1936 an den Kunstsammler Herbert Kurz verkauft, auch das war nicht illegal. Das Sammeln moderner Kunst war nicht gern gesehen, wurde aber toleriert, wenn dadurch lediglich ein persönliches Interesse und keine Regimekritik ausgedrückt wurde. Zu den Händlern, die bis Kriegsende Arbeiten von Beckmann verkauften, gehörten Karl Buchholz in Berlin, Günther Franke in München und Hildebrand Gurlitt in Hamburg. Über Buchholz und seinen Geschäftspartner Curt Valentin gelangten zahlreiche Werke in die USA. So kam es zum Durchbruch für Beckmann in den USA. 

KS: Du hast schon viele Beckmann-Ausstellungen erlebt, welche neuen Gedanken hat dir unsere gebracht?

AT: Da fallen mir gleich zwei Antworten ein: Zum einen finde ich es faszinierend, wie sehr mit dem Bild, das Beckmann von sich selbst schuf, aufgeräumt wurde. Man hat immer gedacht, dass der Künstler sich selbst stets ur-männlich und machohaft darstellte. Und nun zeigen sich die Brüche. Zum anderen gibt es erstaunliche Erkenntnisse, die meine Theorie stärken, dass über Beckmann noch lange nicht alles gesagt ist. Karin, du hast Supergirl im Triptychon Argonauten gefunden! Das ist eine fantastische Entdeckung. Ich bin sicher, dass wir mehr solche Inhalte finden werden. Dafür bedarf es weiterer Forschung und internationaler Zusammenarbeit. Bestimmt werden wir in Sachen Beckmann noch auf viele Überraschungen stoßen.

Dr. Anja Tiedemann ist Expertin für den Kunsthandel im Nationalsozialismus, insbesondere für die Verwertung »entarteter« Kunst. Sie forscht seit 15 Jahren zu den Kunsthändlern Karl Buchholz sowie Curt Valentin und kennt den amerikanischen Kunstmarkt der 1930er- und 1940er-Jahre. Zum Jahreswechsel 2020/21 stellt sie das neue digitale Werkverzeichnis der Gemälde von Max Beckmann online (www.beckmann-gemaelde.org), das sie mit Anbindung an die Hamburger Kunsthalle weiterführen wird.

  

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