Gerhard Merz, Deckenmalerei, 1992, Rauminstallation: Acrylfarbe, Pigmente, 400 Leuchtstoffröhren, 1330 x 1330 cm (Farbfeld: 700 x 700 cm), Hamburger Kunsthalle Bildnachweis: Auftragsarbeit der Hamburger Kunsthalle anlässlich der Ausstellung Gerhard Merz.
Gerhard Merz, Deckenmalerei, 1992, Hamburger Kunsthalle © Hamburger Kunsthalle / ARTHOTHEK, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Fotos: Elke Walford + Christoph Irrgang
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Raumbild

Was passiert, wenn ein Gebäude zur Leinwand wird? Welche Wirkung hat ein schwarzes Quadrat als Motiv? Gerhard Merz probierte es aus: 1992 entwickelte der in Mammendorf in der Nähe von München geborene Künstler das Werk Deckenmalerei anlässlich der Ausstellung Archipittura, die zeitgleich in der Hamburger Kunsthalle und in den Deichtorhallen stattfand.

Für diese Schau ergänzte Merz den Treppenaufgang zur Kuppel des Erweiterungsbaus durch ein 13,30 x 13,30 Meter großes Kunstwerk. Für mehr als zwanzig Jahre war dies eines der ersten Werke, das einem bei dem Besuch des Museums begegnete, denn bis 2016 betrat man das Haus noch über die Rotunde zur Seite des Hauptbahnhofs. Fast flächendeckend füllt das Werk die Decke über dem eindrucksvollen Aufgang: Mit elfenbeinschwarzem, aus Knochenkohle bestehendem und in Acryl-Emulsion gebundenem Pigment malte Merz in elf Metern Höhe ein 7 x 7 Meter großes Quadrat mittig auf eine direkt unterhalb der Decke montierte Platte. Optisch wird die Deckenfläche so nicht nur zum Werkträger, der »Leinwand«, sondern untrennbar zum Bestandteil des Kunstwerks. Gerahmt ist die geometrische Form durch vier weiß leuchtende Leuchtstoffröhrenbänder mit insgesamt 400 handelsüblichen Röhren, die das Schwarz des Quadrats kontrastieren und es visuell eingrenzen.

Zwar bilden die Leuchtbänder eine gewisse Schwelle zum Rest des Treppenhauses, doch greift die Form des Werkes sein unmittelbares Umfeld auf; die Gleichseitigkeit spiegelt die Symmetrie des geschwungenen doppelläufigen Aufgangs wider und bildet gleichzeitig ein Gegengewicht zur historischen Natursteintreppe. Ein weiteres Echo der Architektur wird deutlich, wenn man das Werk von der Empore aus betrachtet: Hier erscheint die Form des Quadrats aufgrund des Blickwinkels zwar verzerrt, stattdessen wird der Blick aber nun auf das Fensterband unter der Decke gelenkt, das aus vielen einzelnen quadratischen Fenstern zusammengesetzt ist. Auch die quadratischen Bodenfliesen fallen aus dieser Perspektive ins Auge.

Das Werk ist eine von mehreren ortsbezogenen Arbeiten der Hamburger Kunsthalle, die in den 1990er-Jahren realisiert wurden, um die Treppenhäuser zu gestalten. Damit rückten die Teile des Museums ins Bewusstsein, die alltägliche Funktionsbereiche mit den Ausstellungsräumen verbinden. Das Treppenhaus wird dadurch als Schwelle zwischen Alltag und Kunst interpretiert.

Dem Leuchtmittel kommt dabei eine besondere Rolle zu, da es mehrere Funktionen vereint. Zum einen wird das gemalte Quadrat durch die Leuchtstoffröhren gerahmt; dies verstärkt die lichtschluckende Wirkung und damit auch die Intensität des tiefschwarzen Pigments. Außerdem wird durch den Abstand zwischen Malerei und Röhren die Deckenfläche selbst zum Teil des Werkes; sie tritt als weißer ›Hintergrund‹ in Erscheinung. Nicht zuletzt erfüllt das Kunstwerk auch einen praktischen Zweck: Es erhellt als künstliche Lichtquelle das Treppenhaus. Damit kommt in der Beziehung des Werkes zur Museumsarchitektur nicht nur die formale Referenz zum Tragen, sondern auch ein pragmatischer Aspekt. Mit den, wie Merz es formuliert, »nackten Waffen der Kunst« – geometrische Grundform, Maß, Farbe, Licht – schuf der Künstler somit ein Doppelwerk aus Architektur (architettura) und Malerei (pittura): die Archipittura.

Die Lampen fungieren also wie gewohnt als Beleuchtung – und auch das schwarze Quadrat ist ›einfach‹ nur eine gemalte Form. Gerhard Merz betont, dass es hier nichts jenseits des tatsächlich Sichtbaren gibt, und vermeidet zu diesem Zweck jegliche Elemente, die symbolisch aufgeladen sind oder ein subjektives Gefühl hervorrufen könnten (soweit das überhaupt möglich ist). Auf der Suche nach einer objektiven Wahrheit scheint das schwarze Quadrat die Lösung zu sein: Das Schwarz tritt den Betrachtenden als Leere entgegen und scheint auch bei längerer Betrachtung keinen weiteren Inhalt offenzulegen – es sei denn, man wollte in der perfekten Geometrie des Quadrats in antiker Tradition einen Verweis auf die harmonische Ordnung des Kosmos sehen.

Nun ist die Deckenmalerei von Gerhard Merz bekanntlich nicht das erste schwarze Quadrat der Kunstgeschichte. Im Jahr 1915, gut zwei Jahre vor der Oktoberrevolution, malte Kasimir Malewitsch sein legendäres Schwarzes Quadrat; das erstmals Ende desselben Jahres auf der Letzten futuristischen Bilderausstellung 0,10 in Petrograd (St. Petersburg) gezeigt wurde. Als einziges der ausgestellten Werke hing es dort über Eck direkt unterhalb der Decke – an dem Platz, der traditionell der christlichen Ikone vorbehalten war. Tatsächlich hat Malewitsch das Schwarze Quadrat später als »nackte, ungerahmte Ikone meiner Zeit« bezeichnet; es bedeutete für ihn die Negation aller abbildenden Kunst, ja der alten, materiellen Welt überhaupt, und war zugleich das Tor zu einer neuen Wirklichkeit der »gegenstandslosen Empfindung« und die »Keimform des Suprematismus«.

Für Gerhard Merz, der wiederholt Diskurse der Moderne als Bezugsfelder in seine Kunstwerke einband, war dieses Konzept offensichtlich visuell wie theoretisch eine Inspirationsquelle. Wie das Schwarze Quadrat in der historischen Ausstellungsinszenierung von Malewitsch schwebt nun in der Hamburger Kunsthalle ein schwarzes Quadrat über den Köpfen der Besuchenden – und entzieht sich dem Blick auf Augenhöhe. Jedoch wäre es verfehlt, damit die Deutung von Merz’ Werk abzuschließen, denn in Materialität und Präsentation ist die Deckenmalerei nicht mit dem ikonischen Schwarzen Quadrat gleichzusetzen. Man könnte annehmen, dass das monumental aufgeblasene Quadrat durch seine Dimensionen automatisch ebenfalls Ikonen-Status erlangen müsste, tatsächlich hat dies aber einen gegenteiligen Effekt: Durch Größe und Symmetrie fügt sich die Form fast nahtlos in die Architektur ein – und zwar so sehr, dass sie für die Betrachtenden bisweilen fast ›unsichtbar‹ wird. Das Kunstwerk offenbart sich uns als mit dem Gebäude untrennbar verbunden und wird so zu einer Mischform aus Architektur und Kunst. Die Sinnstiftung findet nicht aus ihm selbst, sondern nur im Zusammenhang mit der Architektur statt.

Durch diese Verbindung gelangt die abstrakte Form des schwarzen Quadrats sowohl räumlich als auch inhaltlich in einen anderen Kontext: Das Gebäude wird zur Leinwand, die Konstruktion des Treppenhauses ein Teil der Kunst, und die ›neue‹ Wirklichkeit, auf die das Bild verweist, ist nicht mehr wie bei Malewitsch eine utopische Zukunft, sondern die Gegenwart des Museums.

HANNAH BODE studiert Kunstgeschichte im Master an der Universität Hamburg und ist seit 2022 Mitarbeiterin bei den Jungen Freunden.